Schwellenländer im Blickpunkt - Mai 2026
Die wichtigsten Punkte
- Die Schließung der Straße von Hormuz ist nicht länger ein gefürchtetes Risiko, sondern ein sich verstärkender makroökonomischer Schock für Asien.
- Die politischen Reaktionen in ganz Asien werden defensiver, wobei Interventionen und Zinserhöhungen das Wachstum jetzt eher einschränken als das Vertrauen stärken.
- Die Währungs- und Anleihemärkte preisen bereits die Auswirkungen auf Wachstum, Inflation und Außenhandelsbilanz ein, während die Aktienmärkte die Risiken offenbar nicht so schnell in vollem Umfang widerspiegeln.
- Vor diesem Hintergrund bevorzugen wir weiterhin eine untergewichtige Position in energieimportierenden asiatischen Märkten.
Asiens Energieschock und Marktpreisanpassung
Wie wir im letzten Monat dargelegt haben, stellt der Konflikt um den Iran einen außergewöhnlichen negativen Angebotsschock dar, der für einige Schwellenländer schwerwiegende Folgen hat. Seitdem haben sich die Bedingungen weiter verschlechtert. Die anhaltende Schließung der Straße von Hormuz hat die Ölpreise wieder auf über 120 USD pro Barrel getrieben und den Schock weit über die Energiemärkte hinaus auf Währungen, Zinsen und Wachstumserwartungen in ganz Asien ausgedehnt.
Der Übertragungsmechanismus, den wir zuvor beschrieben haben, ist nun klar erkennbar. Asien ist in hohem Maße von den Energielieferungen aus dem Nahen Osten abhängig, und der Region droht eine länger andauernde Unterbrechung, die sich tatsächlich als Wachstumsbremse auswirken würde. Höhere Kraftstoff- und Transportkosten schlagen schnell auf die Gesamtinflation durch, schwächen die Leistungsbilanz und setzen die Währungen nachhaltig unter Druck. Die politischen Entscheidungsträger sind zunehmend gezwungen, ein Gleichgewicht zwischen der Abschwächung des Wachstums und der Notwendigkeit zu finden, die Inflation einzudämmen und die außenwirtschaftliche Stabilität in einem bereits schwierigen globalen geldpolitischen Umfeld zu wahren.
Die Währungs- und Anleihemärkte reagierten zuerst. Seit der Eskalation des Konflikts haben die indische Rupie, die indonesische Rupiah und der philippinische Peso an Wert verloren. Die Optionsmärkte preisen nun die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Abwertung in den nächsten drei Monaten ein und signalisieren damit, dass die Anleger ohne eine klare Deeskalation nur eine begrenzte kurzfristige Entlastung sehen. Gleichzeitig deuten die Anleihemärkte auf eine Verschärfung der finanziellen Bedingungen trotz nachlassender Wachstumsdynamik hin.
Die offiziellen Reaktionen unterstreichen die Schwere des Schocks. Die Reserve Bank of India hat ein spezielles Dollar-Swap-Fenster für Ölraffinerien eröffnet, die Devisenkassamarktinterventionen* (*Der Devisenmarkt ist der globale Markt, auf dem Währungen getauscht werden und der es Unternehmen, Banken und Anlegern ermöglicht, mit Devisen zu handeln und die Wechselkurse zu bestimmen) erhöht und den Offshore-Derivatehandel eingeschränkt, wobei sie gleichzeitig einräumt, dass die Risiken für das Wachstum jetzt eher nach unten gerichtet sind. Die indonesische Zentralbank hat sowohl die Onshore- als auch die Offshore-Interventionen verstärkt und gleichzeitig die Vorschriften für den Ankauf von Dollar verschärft, um die Kapitalabflüsse einzudämmen. Die philippinische Zentralbank hat eine Reihe von Zinserhöhungen angekündigt, um die Inflation trotz der nachlassenden Wirtschaftstätigkeit einzudämmen, während Thailand seine Wachstumsprognosen drastisch gesenkt hat, da die Inflationserwartungen wieder steigen. In der gesamten Region haben die multilateralen Institutionen ihre Wachstumsprognosen nach unten und ihre Inflationsprognosen nach oben korrigiert.
Unserer Ansicht nach bleiben die Aktienmärkte hinter dieser Realität zurück. Die Bewertungen in mehreren asiatischen Märkten gehen weiterhin von einem relativ stabilen Gewinnwachstum aus, wobei der Druck auf die Gewinnspannen aufgrund höherer Inputkosten, einer schwächeren Inlandsnachfrage oder strengerer finanzieller Bedingungen nur begrenzt berücksichtigt wird. Wir sind der Ansicht, dass sich anhaltende Terms-of-Trade-Schocks in energieimportierenden Volkswirtschaften in der Regel mit Verzögerung auf die Rentabilität der Unternehmen auswirken, insbesondere dort, wo sich die Währungen anpassen und der fiskalische Spielraum eingeschränkt ist.
Wir sind der Meinung, dass die Devisen- und Anleihemärkte bei der Bewertung der Auswirkungen der Hormuz-Störungen den Aktienmärkten voraus sind. Vor diesem Hintergrund bleiben wir in Indien deutlich untergewichtet, halten kein Engagement auf den Philippinen und in Thailand und bleiben in Korea und Taiwan untergewichtet (obwohl wir in beiden Märkten ein erhebliches Engagement in den weltweit führenden Halbleiterherstellern halten). Unsere Portfoliopositionierung konzentriert sich weiterhin darauf, die am stärksten exponierten Energieimporteure zu meiden und Märkte mit einer stärkeren Außenposition, einer besseren politischen Isolierung oder direkten Vorteilen aus höheren Energiepreisen zu bevorzugen. Wir bleiben deutlich übergewichtet in Brasilien, Mexiko und China.
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